Sommer

 

Das Sonnenlicht brach sich im Pool, dessen Wasser so blau war, wie es ein Himmel nur selten sein kann, selbst im August. Palmen spendeten den leicht bekleideten Menschen auf den Liegestühlen am Rande des Beckens Schatten. Steffi seufzte und drehte die Postkarte um. „Liebe Steffi! Der Urlaub ist echt bombastisch! Ich liege die ganze Zeit nur am Pool und lasse mich verwöhnen. Die Kellner sind hier seeeehr aufmerksam… Hoffe euch geht’s gut und dass ihr in Deutschland auch ein bisschen Sonne bekommt. Bis bald, bussi! Mila“

Mila ist zu beneiden, dachte Steffi, trat auf einen Legostein und stieß einen Fluch aus. Sommerurlaub. Wann war sie das letzte Mal irgendwo hin geflogen? Es musste schon Ewigkeiten her sein. Jetzt war schon ein Ausflug zum Badesee eine kleine Weltreise. Sie schob den Legostein mit dem Fuß beiseite und ließ den Blick durchs Wohnzimmer schweifen. Wenn man kritisch hinschaute, war es ein einziges Chaos. Bücher, in deren Mitte gelbe Plüschentchen ein trauriges Dasein fristeten, bis sich jemand ihrer erbarmte und sie durch einen Finger zum Leben erweckte, ein abgeknuddelter Hase, der schon bessere Tage gesehen hatte, das Feuerwehrauto, dessen Sirene zum Glück nicht mehr funktionierte, überraschend viele Schnuller und dann immer wieder diese Legosteine, die nur darauf zu warten schienen, dass Steffi auf sie trat. Ein fieser Schmerz. Doch die Beiden waren noch zu klein, um zu begreifen, was aufräumen bedeutete und Steffi fand nicht immer die Kraft. Außerdem sah es viel zu schnell wieder genauso chaotisch aus. Um ihr schlechtes Gewissen zu beruhigen, bückte sie sich nach einer Wachsmalkreide. Aber ohne die Packung wusste sie nicht, wohin sie den Stift legen sollte. Nachdenklich wog sie ihn in der Hand. Mila fehlte ihr. Mila, ihre beste Freundin, die ihre kleine Familie erst so richtig komplett machte. Für Mila war alles einfach. Mila war es auch, die ihr Mut zu gesprochen hatte, als sie von ihrer Schwangerschaft erfuhr. Mila war es, die vehement gegen den Vater der Kinder gewettert hatte, als sich niemand traute. Mila war es, die gesagt hatte: „Dann machen wir eine WG auf – wir werden das Kind schon schaukeln!“ Dabei war sie geblieben. Selbst dann noch, als sich herausstellte, dass es zwei Kinder werden würden. „Eine WG mit Hanni und Nanni. Das wird cool!“

Cool war es am Anfang jedoch überhaupt nicht. Yann und Finn kamen zu früh auf die Welt, in den ersten Wochen kämpften sie sich noch ins Leben. Sie, Steffi, hatte nur weinend im Bett gelegen. Von aller Welt verlassen und gleichzeitig so umsorgt. Sie konnte sich ihre Tränen nicht erklären. Damals nicht und auch im Nachhinein nicht. Dann war sie mit den beiden Kindern nach Hause gekommen. „Deine Söhne“, hatte Mila ehrfürchtig gesagt. „Du bist jetzt Mama. Und ich bin Mama ehrenhalber.“ Und so war es dann. Doch niemand konnte wissen, was dieser einfache Satz bedeutete. Steffi hatte mal versucht, es ihren kinderlosen Freundinnen zu erklären. Dass es natürlich anstrengend war. Doch dass die schlaflosen Nächte kein Problem waren. Und auch nicht die Windeln. Und nicht die vollgekotzten T-Shirts, wenn die beiden nur lächelten. Nur einmal lächelten. Manchmal hörte sie sich selbst all diese Dinge sagen, die ihr bis dahin immer so unverständlich und klischeehaft vorgekommen waren. Doch Mila sagte das Gleiche. Das war irgendwie beruhigend. Dennoch hatte Mila ein eigenes Leben. Im Sommer wurde das immer sehr deutlich.

 

Steffi ging vorsichtig zum Sofa hinüber. Dort lagen sie. Wie kleine pausbackige Engel. Sie strich Yann eine Locke aus dem Gesicht. Seine Augenlider flatterten. „Nein, mein Großer, schlaf weiter“, flüsterte Steffi. Es war zu schön, diese Stunde, in der ihre beiden Söhne Mittagsschlaf machten, für sich zu haben. Am Anfang hatte sie gedacht, dass sie in der Zeit irgendetwas Tolles machen könnte. Ihrem Hobby nachgehen oder lesen. Doch meistens schlief sie einfach ebenfalls ein. Voller Erschöpfung. Zu müde von der Nacht. Seit die beiden Jungs ihren Nachtschlaf ausbauten, konnte sie mittags aber auch einmal wach bleiben. Sie strich dann durch die Wohnung und hing ihren Gedanken nach. Fragte sich manchmal, wie das Leben wohl gewesen wäre, ohne die beiden. Und konnte es doch nicht denken. Finn öffnete die Augen und sah seine Mutter an. Sein Blick war noch verschwommen, aber Steffi wusste, dass sich das bald ändern würde. Sie sah noch einmal auf die Postkarte in ihren Händen. Ein Sonnenurlaub am Pool war unerreichbar. „Aber ich kann euch das Planschbecken vollmachen“, sagte sie zu Finn. Er lächelte.

 

© Katharina Spengler 

 

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